Ich kenne Alexandra seit etwa 1992. In der norddeutschen Tiefebene, bei der Peiner Allgemeinen Zeitung, haben wir mal zusammen gearbeitet und zusammen gekündigt (aber das ist eine andere Geschichte). Rockkonzerte und Diskos sind nicht so sehr ihrs, aber sie war schon immer kulturhistorisch interessiert.

Und so machte sie sich etwa 1992 (vor 30 Jahren!) auf nach Italien mit Rotel (wer es nicht kennt: rotel.de). Rotel ist schon sehr speziell, nix für uns, aber wer es mag! Tja, und Alexandra mochte nicht nur die Art zu Reisen und Italien, nein, Alexandra mochte auch gleich noch den Reiseleiter! Kurze Zeit später heiratete sie Helmut aus Fraxern. Und zwei mittlerweile erwachsene Kinder machten die Familie komplett.

Nun wohnt Alexandra also schon seit den 90er Jahren in Fraxern. Das ist ein besonderes Dorf in 817 Metern über dem Meeresspiegel – damit ist Fraxern das höchstgelegene Kirschendorf Österreichs oder Europas oder gar der Welt???

Jedenfalls gibt es in Fraxern neben den etwa 700 Einwohnern mindestens 2 200 Kirschbäume, Kriasiböm genannt. Sie wachsen in rund 1000 Meter über dem Meeresspiegel im südlichen Rheintal. Weil 700 Fraxer (oder Fraxener?) so viel Kirschen niemals auf einmal essen können und vermutlich weil der Winter ja in den Bergen recht lang sein kann, mussten sie sich noch was anderes einfallen lassen.

Mit Marmelade oder Kirschsirup wird man nicht wirklich berühmt. Aber mit Kriasi hat sich Fraxern einen Namen gemacht! Bereits 1574 wurde es urkundlich erwähnt. Kriasi, das ist Kirschwasser! 20 oder 25 kleine Privatbrennereien gibt es in Fraxern bis heute, schätzt Alexandra. Die meisten brennen aus Liebhaberei und man muss schon ein wenig Glück haben, eine Flasche zu ergattern.

Bei unserem ersten Besuch in den 90er Jahren schickten Helmut und Alexandra uns zu einem dieser Kirschbauern hin. Es war um Ostern und die meisten Bauern hätten ihr Kriasi vom Vorjahr längst verkauft, die neue Ernte hing noch in Form von Blüten an den Bäumen. Doch bei diesem Bauern könnten wir mit viel Glück noch eine Flasche vom Vorjahr bekommen, meinten Alexandra und Helmut.

Eine alte, sehr alte Bäuerin holte uns in die Küche, deutete uns an, uns zu setzen. In astreinem Hochdeutsch (wir können nix anderes!) trugen wir unser Begehr vor. Stirnrunzeln. Ein Wortschwall im für uns sehr fremden Alemannisch folgte.

„Wo kommst her?“ verstanden wir irgendwann.

„Aus Braunschweig.“ Noch mehr Stirnrunzeln.

„Aus Niedersachsen.“ Noch mehr Stirnrunzeln.

„Aus Norddeutschland.“ Ah, die Stirn glättete sich, aber nur kurz!.

„Ah nee, Deutschland moag i net, da war i einmal, is alles so platt“, sagte sie voller Mitleid.

„Wo waren Sie?“, fragte ich.

„Im Schwarzwald.“

Ach, wir erzählten ihr dann nicht, dass zwischen Braunschweig und Hannover die Zuckerrübe als höchste Erhebung gilt. Aber wir waren ihr wohl sympathisch und trotz der Jahreszeit verkaufte sie uns noch drei Literflaschen! Vermutlich meinte sie, ohne Alkohol kann man nicht in so einem flachen Land wie Deutschland leben. Vielleicht hätten wir ihr doch von der norddeutschen Tiefebene erzählen sollen???

Fotos: Alexandra Zittier

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