„Mama Bridschet, hallo Mama Bridschet!“ Egal, wo der alte VW-Bus mit Brigitte Amara-Dokubo im Dorf auftaucht, sofort begrüßt eine Horde Kinder mit dem fröhlichen Ruf die Braunschweigerin. Seit 1998 engagiert sich die 66-Jährige im westafrikanischen Sierra Leone. Mit dem von ihr gegründeten Verein Löwe für Löwe hat sie zahlreiche Hilfsprojekte aufgebaut und unterstützt. Zum Dank wurde vor zehn Jahren ein ganzes Dorf nach ihr benannt: Brigitte-Village.

Rund 30 Mütter warten mit ihren Neugeborenen geduldig auf Marie. Marie ist Krankenschwester und Hebamme in der Geburts- und Gesundheitsstation von Brigitte Village, die für rund 10 000 Menschen Anlaufpunkt ist. Marie ist ebenso herzlich wie energisch, sie trifft den richtigen Ton. Bevor sie jedoch mit ihren Erläuterungen zum Thema Stillen beginnt, singen die Mütter erstmal ein Begrüßungslied, fröhlich und lautstark – Singen hat in Afrika eine besondere Bedeutung, so werden auch Besucher gern mit einem Lied begrüßt.

Geduld ist gefragt

Nach dem Vortrag von Marie werden die Babys geimpft. Der Impfstoff lagert in der einzigen Kühltruhe in der Station. „Die haben wir tatsächlich mal vom Staat bekommen“, erzählt Brigitte. Sie hat gute Kontakte zu Politikern, aber in Sierra Leone sind nicht nur die Kassen leer, die Uhren gehen auch anders, Geduld ist gefragt.

Brigitte-Village, früher Compound, ist der Heimatort von rund 1500 Menschen, die in sehr einfachen kleinen Hütten leben. Kaum vorstellbar, wie es in der gerade beginnenden Regenzeit auszuhalten ist. Die Wege sind nicht befestigt, es gibt keine Stromversorgung.

Hier lebt auch Kadiatu mit ihren sieben Monate alten Zwillingssöhnen Mohammed und Jusif. „Bei ihrer Geburt waren sie so klein, wir hatten große Sorge, ob sie durchkommen“, berichtet Brigitte. Der Vater ist Fischer, wie viele der Männer in Brigitte-Village. Eine Chance auf ein wenig Wohlstand besteht kaum. Von einer kleinen Spende aus Braunschweig konnte sich die junge Familie ein Bett mit Matratze anschaffen, Babynahrung und einen Holzkasten, aus dem Kadiatu Kleinigkeiten für den Alltag an die Dorfbewohner verkauft: Batterien, Putzmittel, Windeln, Kekse.

Handel ist in Sierra Leone wichtig. Überall sieht man Frauen mit teils riesigen Behältern auf den Köpfen mit allerlei Waren, aus den kleinsten Hütten heraus werden Stoffe oder Fische verkauft. In den Straßen und auf den Märkten ist ein unglaubliches Gewusel, das vom ständigen Gehupe der Autos und Kehkehs, Mofas mit Anbauten für Fahrgäste, begleitet wird.

„Die Welt kann ich nicht retten“

„Ich weiß, ich kann die Welt nicht retten, aber wir alle können helfen“, sagt Brigitte Amara-Dokubo. Sierra Leone zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Bis 2002 wütete ein blutiger Bürgerkrieg in der ehemaligen englischen Kolonie. Als Brigitte, die damals mit einem Sierra Leoner verheiratet war, einen Zeitungsartikel über das Land las, war für sie klar: „Hier müssen wir etwas tun!“ Aus dieser spontanen Idee ist eine Lebensaufgabe geworden.

Gerade fing das Land an, sich nach dem zehnjährigen Krieg zu erholen, da kam 2014 die Ebola-Epidemie. Wirtschaftlich wurde das Land weitgehend vom Rest der Welt isoliert, der Tourismus im Keim erstickt. Derzeit gibt es erst wenige Fälle von Corona in Sierra Leone. Die rund 7,5 Millionen Einwohner haben derzeit eine Ausgehsperre, nach Ebola sitzt die Angst vor einer neuen Katastrophe tief.

Brigitte fing nach dem Krieg an, machte nach Ebola weiter und will sich auch von Corona nicht entmutigen lassen. Komplimente sind ihr schnell zu viel, dabei wurde ihr unermüdliches Engagement bereits mit dem Bundesverdienstkreuz und anderen Ehrungen gewürdigt.

Solange sie berufstätig war, fuhr die frühere Sozialpädagogin meist einmal im Jahr nach Sierra Leone. Seitdem sie Rentnerin ist, so oft es ihr möglich ist. Ihr Einsatz hat sich gelohnt: Nach 20 Jahren unermüdlicher Arbeit gibt es im Dorf die Gesundheitsstation, eine Grundschule und eine Schulungsfarm geht gerade an den Start. Brunnen wurden gebohrt, eine Wasserleitung verlegt und viele andere Dinge umgesetzt – oft gemeinsam mit anderen kleinen Hilfsorganisationen.

Dabei hat der Verein Löwe für Löwe gerade mal etwas mehr als 40 Mitglieder, der Mindestbeitrag beträgt 36 Euro im Jahr. „Allein würden wir das alles nicht stemmen können“, sagt Brigitte. Es gebe glücklicherweise immer wieder kleine und große Spenden, so kommt der Verein auf einen Jahresetat zwischen 60 000 und 80 000 Euro. Nicht viel, für die vielen Projekte!

Blau und Gelb erinnern an Braunschweig

Für den Aufbau der Schulungsfarm mit Moringa-Bäumen und Gemüse hat der Verein 2,5 Hektar Land aufgekauft, das gerodet und zum Teil bereits neu bepflanzt wurde. Ein Schulungsgebäude ist entstanden, eine Agrarwissenschaftlerin eingestellt und Kontakte zur Uni geknüpft. „Nun müssen wir dringend eine Ölmühle und andere Maschine kaufen, die auch in Sierra Leone ihren Preis haben“, berichtet Brigitte. Oft mache sie sich auch Sorgen, wie sie die neun Angestellten bezahlen soll, dabei liegen die Löhne gerade mal zwischen 80 und 120 Euro im Monat. Irgendwie hat es bislang jedoch immer geklappt.

Die Verbindung von Löwe zu Löwe zu Braunschweig wird übrigens überall deutlich: Ob es der Anstrich der Schule, die Uniform der Schüler, das Schild der Gesundheitsstation ist – alles ist blau-gelb. Und die Fußballmannschaft spielt selbstverständlich ebenfalls in blau-gelb.

Die Autorin Anita Pöhlig (64) war 20 Jahre Korrespondentin der dpa in Braunschweig und bis 2019 Pressesprecherin der IG Metall Wolfsburg. Mit ihrem Ehemann Paul Becke (68) reist die Journalistin viel und berichtet im Blog urlaubspaul.com darüber. Brigitte Amara-Dokubo lernten die beiden im Januar kennen und reisten daraufhin spontan nach Sierra Leone.

Weitere Informationen zu Löwe für Löwe: loewefuerloewe.de, Spendenkonto: Postbank Hannover, IBAN: DE91 2501 0030 0902 6953 00, BIC: PBNKDEFF

Auf der Moringa-Farm wurden wir mit Gesang und Tanz empfangen.

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